Wenn Sonntag wirklich der Tag des Herren ist, dann kann er ihn auch behalten und ihn sich an den Rückspiegel hängen. Ein paar Unentwegte rennen zwar immer noch dank fehlendem Breitbandanschluss und unterhaltungstechnischer Alternativen in die Kirchen, sonst aber hat der Sonntag schon lange seinen Schrecken als Zwangsfamilientag verloren. Zuerst waren es nur Polizei, Krankenhäuser, Pfaffen und Soldaten – passt zusammen wie Arsch auf Eimer -, die auch an Wochenenden dem sonst unweigerlichen Zusammentreffen von Familien entfliehen durften. So etwas wurde gerne auch Privilegien genannt. Insofern könnte der Sonntag gleich einen anderen Namen bekommen, zumal selbst die Namen gebende Sonne ausgerechnet an diesem Tag oft durch Abwesenheit eben nicht glänzt. Wie wäre es mit Sinntag, quasi im Angedenken an vergangene Streits mit Kindern, Hund, Frau und Schwiegereltern? Oder Sündtag, als hohnlachendes Opfer an frustrierte Verwalter des Himmlischen, dem Bodenpersonal Gottes? Oder die wertneutrale Umbenennung in Siebentag?
Da stellen sich doch auch Fragen wie: Warum gibt es an manch kirchlichen Feiertagen noch heute Tanzverbot selbst für die, denen der christliche Glauben so fremd ist wie der Antarktis ein Palmenhain? Ist es logisch, dass bei der Trennung von Kirche und Staat hierzulande dieser dennoch deren Steuer zwangsrekrutiert? Was haben Soutane, Talar und Ordensschwesterntracht an Deutschen Schulen verloren, wenn korrekter Weise Kopftücher draußen bleiben müssen? Da in der Türkei der Bau christlicher Kirchen – wie bekannt – gefördert wird, ist nur Recht und selten billig, wenn hierzulande diese hübschen Moscheen erbaut werden, in denen – ebenso bekannt – zu einer einvernehmlichen Förderung von Demokratie, Gleichberechtigung und Integration aufgerufen wird. Mehr davon. Was ist schon so eine niedliche kleine Fatwa? Ein islamischer Exportartikel, der auch dänischen Karikaturisten als Mitbringsel in Sachen Toleranz viel Freude bereitete. Und Salman Rushdie? Lebt schließlich auch. Noch. Dieser niederländische Regisseur? Kollateralschaden, man kann (?) diesen Islam natürlich auch irgendwie (gelenkt) missverstehen.
Da ist diese christliche Kirche weit voraus. Ein 16jähriges Vergewaltigungsopfer, das an einer daraus resultierenden Zwillingsgeburt jämmerlich krepiert wäre, wird ebenso exkommuniziert wie die behandelnden Ärzte und die leibliche Mutter. Sicher ist sicher. Dem vergewaltigenden Vater – über JAHRE – wird diese Ehre nicht zuteil. ER hat ja kein werdendes Leben getötet. Vaterkreuz in Gold, Herr Pop(anz) Ratzinger, oder wie ihr letzter Nick heißt? Benedikt? Immerhin. Da muss man erst nach feigenblätterheftigen Protesten die Ausschwitzlüge eines der Seinen gerade rücken. Der Stellvertreter Gottes auf Erden? Unfehlbar? Der? Wir sind Papst. Danke. Ihr vielleicht, ich nicht.
Glaube als mentaler Rollator, wer’s braucht. Eins in die Fresse des Gegenübers, ein Rosenkranz, gut ist. Etwas mehr über die Strenge geschlagen? Als Pfaffe mit Kindern die Zeugung durchgenommen? Zehn Vaterunser, zehn Rosenkränze, einen drohenden Zeigefinger und – wenn es sich nicht ändern lässt, eine Strafversetzung in einen anderen Kindergarten. Geschmacklos sind die Ankläger. Opfer? So schlimm war es nun auch wieder nicht! Die Amerikanische Kirche hat sich zerknirscht geäußert? So wird nie ein Ami Pope, nie! Und überhaupt – diese Emporkömmlinge.
Ach so. Glaube geht nur in Kirche. Für eingetragene Mitglieder. Klar. Auch der Glaube marschiert im Stechschritt. Wohin auch immer. Und da unsere konservativ-vegan-frustrierte Jugend nicht überall günstig an Drogen kommt, eilen sie zum Massenaufmarsch (ach, was war das nett in der DDR und – psssst – etwas früher… In China und Nordkorea… – aber pssst). Organisierter Glaube ist latent militant. Schon mal in Geschichte aufgepasst?
Nächstenliebe, Toleranz, Treue, Mitleid, Wärme, Glaube, Demut, dass alles soll nur als sogenannter Christ möglich sein? Anders, kann nur Christ sein, wer als eingeschriebenes Mitglied sogenannter christlicher Organisationen einen Zehnt abführt zur Beruhigung des eigenen unwichtigen Gewissens? Warum nicht – klingklingkling-klingklingkling – Sanyassin werden? Oder als Zeuge Jehovas den Wachturm verdrehen? Oder Tom Cruise zur Scientology folgen? Wo zum Henker der Inquisition ist der Unterschied?
Mein Bruder war Pressesprecher von Frau Caberta, der Leiterin der einzigen Anlaufstelle von Opfern der Scientology in Deutschland. Zweimal umgezogen, mehrere neue „Geheimnummern“, Einbruchsversuche etc. Schlimm? Natürlich. Aber das Opfer jahrelanger familiärer Vergewaltigungen plus Mutter plus Helfer plus behandelnder Ärzte zu exkommunizieren in einem streng katholischen Land ist? Barbarisch. Heidnisch. Dreckig. Aber die katholische Kirche stimmt ganz schnell einen Opus darauf an: Opus Dei. Gott, wie tief bist Du gesunken, ein solch dreckiges Branding zu dulden. Gläubige, wie tief seid IHR eigentlich gesunken, so etwas im Namen des Heiligen Vaters zu dulden? Sippenhaftung? Kennt ihr doch schon…
Komisch, nicht? Ich glaube auch. Unorganisiert. Kostenlos. Was nicht heißt, dass ich diese christliche Nächstenliebe nicht lebe. Was nicht heißt, dass mir Treue, Vertrauen, Demut, Nächstenliebe nicht … heilig … ist. Meine Tränen kommen von innen, nicht von Weihrauch. Sie kommen aus Scham, nicht aus dem Mund von Pfaffen. Sie kommen aus Schuld, nicht aus dem Beichtstuhl…
Und sonst?
Einen Weltfrauentag brauchen wir auch. Klar. Einmal im Jahr mit gesenktem Blick Frauen verstehen, achten, respektieren und – wahrnehmen?
Frauen. Wer so einen Tag braucht oder meint, ihn brauchen zu müssen, hat meinen Respekt versemmelt. Die Frauen, die mir viel bedeuten und allen Respekt wert sind, haben Feigenblätter nicht nötig. Nehmen wir ihn wie den Vatertag und versenken ihn in Fluten von?
Prost, Glaubensgehäckseltesseelenallerlei